Minima moralia
von meiner handvoll zitate, mit denen ich mich durchs leben hantle, habe ich gestern zwei erwähnt. eines lautet im volltext folgendermaßen und stammt aus adornos minima moralia. hervorhebung von mir. bitteschön:
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Darf ich's wagen. - Wenn der Dichter im Schnitzlerschen Reigen dem süßen Mädel, das als das freundliche Gegenteil einer Puritanerin vorgestellt wird, zärtlich sich nähert, sagt sie: "Geh, willst nicht Klavier spielen?" Weder kann sie über den Zweck des Arrangements im Ungewissen sein, noch leistet sie eigentlich Widerstand. Ihre Regung führt tiefer als die konventionellen oder psychologischen Verbote. Sie bekundet archaische Frigidität, die Angst des weiblichen Tiers vor der Begattung, die ihm nichts als Schmerz antut. Lust ist eine späte Errungenschaft, kaum älter als das Bewußtsein. Sieht man, wie Tiere zwangshaft, unter einem Bann, zusammenkommen, so durchschaut man den Satz "Wollust ward dem Wurm gegeben" als ein Stück idealistischer Lüge, zumindest was die Weibchen anlangt, denen die Liebe aus Unfreiheit widerfährt, und die sie nicht anders kennen denn als Objekte der Gewalt. Etwas davon ist den Frauen, zumal denen des kleinen Bürgertums, bis in die spätindustrielle Ära hinein geblieben. Das Gedächtnis an die alte Verletzung lebt noch fort, während der physische Schmerz und die unmittelbare Angst durch Zivilisation behoben sind. Die Gesellschaft wirft die weibliche Hingebung stets wieder auf die Situation des Opfers zurück, aus der sie die Frauen befreite. Kein Mann, der einem armen Mädchen zuredet, mit ihm zu gehen, wird, solange er sich nicht ganz stumpf macht, das leise Moment des Rechts in ihrem Widerstreben verkennen, dem einzigen Prärogativ, welches die patriarchale Gesellschaft der Frau läßt, die, einmal überredet, nach dem kurzen Triumph des Nein sogleich die Zeche zu bezahlen hat. Sie weiß, daß sie als die Gewährende seit Urzeiten zugleich die Betrogene ist. Geizt sie jedoch darum mit sich, so wird sie erst recht betrogen. Das steckt im Rat an die Novizin, den Wedekind einer Bordellwirtin in den Mund legt: »Es gibt eben nur einen Weg in dieser Welt, um glücklich zu sein, das ist, daß man alles tut, um andere so glücklich wie möglich zu machen.« Die eigene Lust hat zur Voraussetzung das schrankenlose sich Wegwerfen, dessen die Frauen um ihrer archaischen Angst willen so wenig mächtig sind wie die Männer in ihrer Aufgeblasenheit. Nicht bloß die objektive Möglichkeit - auch die subjektive Fähigkeit zum Glück gehört erst der Freiheit an.
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Darf ich's wagen. - Wenn der Dichter im Schnitzlerschen Reigen dem süßen Mädel, das als das freundliche Gegenteil einer Puritanerin vorgestellt wird, zärtlich sich nähert, sagt sie: "Geh, willst nicht Klavier spielen?" Weder kann sie über den Zweck des Arrangements im Ungewissen sein, noch leistet sie eigentlich Widerstand. Ihre Regung führt tiefer als die konventionellen oder psychologischen Verbote. Sie bekundet archaische Frigidität, die Angst des weiblichen Tiers vor der Begattung, die ihm nichts als Schmerz antut. Lust ist eine späte Errungenschaft, kaum älter als das Bewußtsein. Sieht man, wie Tiere zwangshaft, unter einem Bann, zusammenkommen, so durchschaut man den Satz "Wollust ward dem Wurm gegeben" als ein Stück idealistischer Lüge, zumindest was die Weibchen anlangt, denen die Liebe aus Unfreiheit widerfährt, und die sie nicht anders kennen denn als Objekte der Gewalt. Etwas davon ist den Frauen, zumal denen des kleinen Bürgertums, bis in die spätindustrielle Ära hinein geblieben. Das Gedächtnis an die alte Verletzung lebt noch fort, während der physische Schmerz und die unmittelbare Angst durch Zivilisation behoben sind. Die Gesellschaft wirft die weibliche Hingebung stets wieder auf die Situation des Opfers zurück, aus der sie die Frauen befreite. Kein Mann, der einem armen Mädchen zuredet, mit ihm zu gehen, wird, solange er sich nicht ganz stumpf macht, das leise Moment des Rechts in ihrem Widerstreben verkennen, dem einzigen Prärogativ, welches die patriarchale Gesellschaft der Frau läßt, die, einmal überredet, nach dem kurzen Triumph des Nein sogleich die Zeche zu bezahlen hat. Sie weiß, daß sie als die Gewährende seit Urzeiten zugleich die Betrogene ist. Geizt sie jedoch darum mit sich, so wird sie erst recht betrogen. Das steckt im Rat an die Novizin, den Wedekind einer Bordellwirtin in den Mund legt: »Es gibt eben nur einen Weg in dieser Welt, um glücklich zu sein, das ist, daß man alles tut, um andere so glücklich wie möglich zu machen.« Die eigene Lust hat zur Voraussetzung das schrankenlose sich Wegwerfen, dessen die Frauen um ihrer archaischen Angst willen so wenig mächtig sind wie die Männer in ihrer Aufgeblasenheit. Nicht bloß die objektive Möglichkeit - auch die subjektive Fähigkeit zum Glück gehört erst der Freiheit an.
gingerbox - 27. Okt, 18:58
schreibt die streeruwitz von dem ab?
da fällt mir auf: wenn solch existenziellen worte das weib und den mann und das archaische etc. betreffend ein mann schreibt wirkts auf mich anders als wenns eine frau geschrieben hätt? nein, das darf nicht sein. oder es soll sein. mh
gingerbox, was sagst zum lesen von lethem?
starke worte, ja. aber etwas daran kommt mir richtig vor. klar, angst und aufgeblasenheit, das verteilt sich nicht ganz so streng dichotom. auch die kleinbürgerliche frau erlebt sich vielleicht (sicher bin ich mir nicht) mittlerweile anders. - mir gefällt daran der hinweis, dass
manwas lernen muss - der orga*mus als kulturleistung, sehr freudianisch.